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Bento


Deutschland, Mitte der 2010er Jahre. Noch immer gibt es Menschen, die mit rechtspopulistischen Parteien wie den Grünen oder den Linken sympathisieren, statt sich im queerfeministischen Flügel der MLPD zu engagieren. Noch immer gibt es Menschen, die glauben, dass es nur ca. 250 verschiedene Geschlechter gibt und nicht die 801 offiziell von Facebook anerkannten. Noch immer gibt es Menschen, die ihr Rektum nicht freiwillig für Analsex-Einführungskurse für Asylbewerber zur Verfügung stellen. Und das Schlimmste von allem: Noch immer gibt es weiße, heterosexuelle Männer!

Nur ein mutiges, junges Untergrund-Autorenkollektiv wagt es, mit den großzügigen Finanzmitteln und der Meinungshegemonie eines großen Zeitungsverlags im Rücken, gegen diese faschistisch-rassistisch-sexistisch-homophob-transphob-ableistisch-speziesistisch-bodyshamende Gesellschaft anzuschreiben, getreu dem Wahlspruch: „Wollt ihr die totale politische Korrektheit? Wollt ihr sie, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir sie uns heute überhaupt erst vorstellen können?“ – „JAAAAAAAAAH!“ schreit das sorgfältig ausgewählte Publikum aus Asta-Vorsitzenden und genderfluiden Genderstudierenden.

Meine Damen, Herren und die Zweigeschlechtlichkeit ablehnenden Mensch_innen*xs, hier ist der „„„Journalismus“““, auf den niemand gewartet hat: Frisch runter von der Uni, aber immer noch auf Koks – die Clickbait-Schülerzeitungs-Sondermüllplattform von Spiegel Online – hier ist Bento!

Hintergrund[Bearbeiten]

Bei den großen Katastrophen der Menschheit stellt sich immer die Frage: Wie konnte das passieren? Wie konnte es zum Untergang des Römischen Reiches kommen? Wie konnte es zum 11. September kommen? Wie konnte es zum Holocaust kommen? Und natürlich: Wie konnte es zu Bento kommen?

Die Geschichte ist eigentlich ganz einfach: Mit dem Aufkommen des Internets ergab es sich, dass die Zeitungen ihre Inhalte zusätzlich zur Printausgabe kostenlos online stellten. Nach einiger Zeit merkte man – oh Schreck! – dass die Leser die kostenpflichtigen Druckerzeugnisse zugunsten der digitalen Gratisnachrichten links liegen ließen. Die Verlage versuchten gegenzusteuern, indem sie ihr Angebot mit immer mehr immer aggressiverer Werbung durchsetzten, bis schließlich das Endstadium erreicht wurde, in dem man den Artikel zuerst unter mehreren Partnersuchen-Popups ausgraben musste, um dann auf dem Heimwerkerbedarf-Hintergrund zwischen nach links rasenden Gebrauchtwagen und nach rechts düsenden Urlaubsfliegern, fein säuberlich strukturiert durch blinkende Anlageberatungs-Animationen, die einzelnen Absätze des Artikels zusammenzuklauben. Nur um dann festzustellen, dass der Bericht „Mann (50) verliert 56 Kilo in zwei Wochen dank Aperol-Spritz-Diät“ gar kein redaktioneller Beitrag, sondern clever getarnte Werbung ist!

Unverständlicherweise entschlossen sich die Leser dazu, auf diese wichtigen Verbraucherinformationen zu verzichten und installierten sich Werbeblocker. Das Resultat war ein Umsatzrückgang sowohl im Print- als auch im Onlinejournalismus. Der finanzielle Super-GAU drohte. Sogar die Finanzierung des nächsten Sigmar-Gabriel-Interviews schien nicht mehr gesichert. Also zogen die Verantwortlichen in den Verlagen das letzte, verzweifelte Register: Ein Angebot musste her, das maximale Klickzahlen generiert, und das speziell für Leser, die ohne Adblocker unterwegs sind. Und wer ist das? Das sind Menschen, die mental damit überfordert sind, ein einzelnes Wort in Google einzugeben und daraufhin drei Klicks auszuführen, kurz gesagt also die Dümmsten der Dümmsten der Dummen. Bento erschien am Horizont.

Doch zunächst musste die demographische Zielgruppe identifiziert werden. Im Alzheimer- und Schmerzmittelwahn delirierende Rentner hatte man bereits erfolgreich im Spiegel-Online-Forum gebunden, wo sie mit ihrem Volksschulwissen von 1942 genüsslich und souverän die billige Propaganda der Lügenpresse sezierten und in rosigen Erinnerungen an die einzig wahren Demokraten Muammar al-Gaddafi, Saddam Hussein und Idi Amin schwelgten. Über Kinderaufzucht und fortgesetztem RTL-II-Konsum blöd gewordene Mitbürger im mittleren Alter hatten bereits auf Facebook ein Zuhause gefunden, wo sie sich gegenseitig Candy-Crush-Einladungen, lustige Schlumpfvideos und AfD-Hasspostings zuschicken konnten. Und bei der Schülergeneration war sowieso Hopfen und Malz verloren: Hier wurde jede zart sprießende Gehirnzelle sofort und gnadenlos im ADHS-Stakkato von Schminktipps, Minecraft-Let's-Plays und fol lustiken prenks [IN THE HOOD] [GONE WRONG] [GONE SEXUAL] xDDDDD niedergebrannt.

Es blieb also nur noch eine Altersgruppe übrig: Junge Erwachsene! Die alten Herren in den Verlagen fingen an zu überlegen: Wie war das denn damals, als wir jung waren...? Alles schon so lange her... verschwommene Bilder von Kaiser Wilhelm flackerten auf, aber das war es dann auch schon. Also entschloss man sich einfach, es so billig wie möglich zu machen, und holte sich für ein paar Kippen pro Tag den auf dem letzten Engelstrompeten-Trip hängengebliebenen Adorno-Lesekreis aus dem Autonomen Zentrum nebenan. Gerade waren die Redaktionsräume total hip mit Sitzsäcken und intavenösen LSD-Infusionen ausgestattet worden, da durchbrach doch noch eine klare Erinnerung die Kalkschichten der vergichteten Entscheidungsträger-Synapsen: Da war doch die vollbusige Friedhilde gewesen, deren Verlobter bei Verdun gefallen war und die sich nach Nähe sehnte, ein rattenscharfes Ding... also inhaltlich, da bringen Sie bitte eine ordentliche Portion Sex mit rein, ja? – In Ordnung, Chef! Die Bento-Redaktion mit ihrem kreisförmigen Stammbaum war geboren.

Inhalte[Bearbeiten]

Wer kennt das nicht? Man scrollt auf Spiegel Online verschämt über den seriösen Politikteil hinweg („15 Gründe, warum Angela Merkel die beste Kanzlerin aller Zeiten ist – Grund 11 wird Sie zu Tränen rühren“; „Bürgerkrieg in Syrien – Wissen Sie Bescheid? Nein? Wir auch nicht!“) und will im leicht verruchten unteren Bereich der Startseite auf die neueste Dschungelcamp-Reportage klicken, da passiert es: Die Katze springt auf den Tisch, die Maus verrutscht, der falsche Artikel lädt und man erhascht gerade noch einen Blick auf die Überschrift „Bunny-Dildos und Massagekerzen: 17 Dinge, die passierten, als mein HIV-positiver Vater einen Porno drehte“, bevor der alles durchdringende Gehirnbrand einen in die wohlverdiente Ohnmacht schickt.

Und wenn man dann immer noch nicht genug hat? Dann hat diese Frau da ein paar mittelmäßige Bilder auf Instagram gepostet. Weil sie eine Frau ist, ist das nicht nur große Kunst, sondern auch super feministisch! Und weil das feministisch ist, hast du das verdammt noch mal gut zu finden, du elender Drecksnazi! Und schau mal hier, diese Frau hat sich die Muschi tätowieren lassen! Noch feministischer! Und, oh mein Gott, hier: Diese Frau trägt eine Burka! Die ist eine Frau und eine Muslimin dazu! Absolut awesome, das ist der Gipfel des Feminismus! Und vielleicht ist sie unter der Burka ja schwarz und transsexuell, allein die Vorstellung– AAAAAAAHRG TOTALER FEMINISMUS-OVERLOAD ICH KOMME GERADE SO HART WIE DAMALS ALS ICH MENSTRUIEREND UND AUF OREGANO VON DUNKLEREN BUNTSTIFT-HAUTFARBEN GETRÄUMT HABE!!! Wie, das überzeugt dich nicht?! Dann schau dir halt diesen süßen Hund an, der jetzt wegen Donald Trump traurig ist.

Wenn man bei so einem Content die offizielle Jugendfreigabe von 18 bis 30 Jahren liest, mag man sich (nicht nur) als Teil der Angesprochenen zuerst beleidigt, dann verärgert und dann besorgt fühlen. Ist das tatsächlich für Leute im wahlberechtigten Alter gedacht?! Da sollte es doch eigentlich niemand mehr nötig haben, sich die Welt erklären zu lassen in einem Stil, der irgendwo zwischen Tumblr-Blogeintrag und investigativem Sachkundeaufsatz aus der vierten Klasse angesiedelt ist und gegen den die Kika-Kindernachrichten erscheinen wie Harald Leschs Alpha Centauri. Letztendlich ist diese Reaktion aber unangebracht, denn bei Bento spielt der Leser außer als billiges Klickvieh keine echte Rolle. Im Fokus steht viel mehr die Selbsterfahrungsreise der verwirrten Schreiberlinge selbst: Wenn sie zwischen zwei Meskalinräuschen in einem See von Erbrochenem, Fäkalien, Blut und Sperma aufwachen und in einer Art improvisierter Selbsttherapie eine neue Absonderung auf das virtuelle Papier aufbringen, ist es eigentlich Zeit für ein Lob: „Oooh, zehn ganze Sätze am Stück! Das hast du toll gemacht! Und so viele schwere Wörter! Hier, ‚Marihuanakonsum‘, und sogar fast richtig geschrieben! Das hast du prima gemacht! Da hast du dir die nächste Pep-Gangbang-Party aber wirklich verdient!

Und es ist ja immerhin auch eine beachtliche Leistung, die nach unten offene Niveauskala im Onlinejournalismus um gleich mehrere negative Größenordnungen erweitert zu haben – sodass sie jetzt in absteigender Reihenfolge lautet: www.prosieben.de/titten/geil.html; Bild.de; Breitbart.com; der Stupidedia-Artikel Hodenarschkrebs; die dahintourettierten Auswürfe von LeFloid; die eklige Masse, die sich unter dem Schuh bildet, wenn man zuerst in Kaugummi und dann in Hundescheiße tritt; lange nichts; Bento. Also danke dafür!

Warnhinweis[Bearbeiten]

Bento hat Metastasen namens ze.tt und jetzt.de gebildet. Die fallen zwischen den Qualitätsbeiträgen von Zeit Online und SZ.de aber nicht so sehr auf.

Disclaimer[Bearbeiten]

Die Stupidedia entschuldigt sich ausdrücklich für alle Klicks, die im Zuge der Recherche für diesen Artikel bei Bento generiert wurden. Immerhin hatten wir den Adblocker an.



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